Samstag, 12. August 2017

Fick dich, Anna.

Mein Leben war schön. Ruhig. Ausgeglichen. Harmonisch. 
Und dann kam Anna. 

Zur allgemeinen Orientierung: Ich bin vor einem Monat in eine neue Wohnung gezogen. Ein Altbau im ersten Stock. Wirklich schön. Die Vermieterin sagte mir, dort würden noch zwei weitere Mädels in meinem Alter wohnen. Ich so: Jackpot. 
Anna und Aileen gründeten sofort eine WhatsApp Gruppe und luden mich dazu ein. Bis heute weiß ich nicht, woher sie meine Handy Nummer haben. 

Viele Verpflichtungen habe ich im Haus nicht. Alle drei Wochen mal die Mülltonnen rausstellen und alle drei Wochen mal den Rasen mähen. Könnte schlimmer sein. 
Allerdings ist es ungeschriebenes Gesetz, dass ich mich daran orientiere, was Anna mag und vor allem nicht mag: 

Anna mag es gar nicht, wenn man am Fenster raucht. Sie wohnt nämlich über mir und der Rauch zieht dann in ihr Schlafzimmerfenster. Das ist bei einer chronischen Nebenhöhlen Entzündung gar nicht so gut. Vor einiger Zeit hat sie selbst geraucht, aber mittlerweile verträgt sie den Geruch gar nicht mehr. Außerdem bekommt Anna die Krise, wenn Türen offen stehen. Die Haustür zum Beispiel. In der Gegend ist das auch wirklich nicht so gut. Das ist wirklich ein Dschungel da draußen. Trage ich also mein Sofa hoch, stelle ich es im Flur ab und schließe prioritär die Tür hinter mir. Das gleiche gilt auch für die Tür in meinem Kellerabteil. Unter keinen Umständen gilt dort eine Open Door Policy. Das kann Anna nämlich gar nicht vertragen. Instantly klingelt dann mein Handy, weil ich eine WhatsApp Nachricht von Ihr erhalte, dass ich bitte meine Kellertür zu schließen habe. Nicht dass sie mir das abnimmt, wenn sie die offen stehende Tür bemerkt. Ne, sie fordert mich auf, sobald ich nach Hause komme, meiner nicht erfüllten Verantwortung nachzukommen. 

Aber so pflichtbewusst und eifrig wie Anna ist, hat sie auch ihre schöpferischen Seiten. Ganz herausragend gut, kann sie Smiley malen. Vorwiegend traurige Smileys, wenn ihr der Hausflur zu schmutzig ist. Oder das Fenster im Flur Wasserflecken hat. Anna sagt, ein Putzplan für den Hausflur ist nicht notwendig. Wir Mädels sind ja nicht so unordentlich. Da kann das ja jeder nach Ermessen machen. Mein Ermessen steuert sich folglich durch Anna. Sobald ein trauriger Smiley oder der Schriftzug "Putz mich" im Hausflur auftaucht, weiß ich Bescheid, dass es meine Aufgabe ist, den Flur zu wischen. Danke. 
Verständnisvoll ist Anna auch in sehr hohem Maße. Wenn ich mal vergesse, das Licht auszuschalten, ist das gar kein Thema. Übernimmt sie wortlos für mich. Gut, eine WhatsApp Nachricht folgt dann. Aber Worte nicht. Wenn ich mal eine Party feiere, hat Anna da auch rein gar nichts dagegen. Eine Abrissparty, wie sie es nennt. Erst gestern habe ich eine solche Abrissparty veranstaltet. Mein Vater war da, um zwei Lampen aufzuhängen. Gegen diesen immensen Lärm hatte Anna gar nichts. Schrieb sie mir zumindest in einer WhatsApp Nachricht. 

Achja, ich wohne dort seit vier Wochen. Seit vier Wochen möchte ich unentwegt "Fick dich, Anna" schreien, mir in der Wohnung eine Zigarette anzünden und mit 98 Dezibel Skrillex hören. 
Ich war in den letzten vier Wochen öfter Hassjoggen als insgesamt in meinem ganzen Leben. Und ich hasse Joggen. Bloß hasse ich Anna mehr.